Was ist schlimm an einer Inflation?

Eine Inflation vernichtet nominale Vermögenswerte, weil sie ihre Kaufkraft reduziert. Betroffen sind Bankguthaben genauso wie Bargeld, Sparbriefe und verzinsliche Wertpapiere. Auch die Kaufkraft des Einkommens sinkt – im Extremfall halbiert sie sich binnen weniger Stunden.

 
 

In gewissen Grenzen ist Inflation normal und kein Nachteil. Die Europäische Zentralbank definiert eine jährliche Inflationsfrate von knapp 2 Prozent als langfristige Preisniveaustabilität. 2 Prozent Preisanstieg im Jahr gelten auch in Großbritannien als gesundes Maß für die Teuerung.

Höhere Inflationsraten aber machen Anlegern und Verbrauchern Angst. Besonders in Deutschland fürchten sich viele Menschen vor Inflation. Das hat historische Gründe: In den 1920er Jahren fand in Deutschland eine beispiellose Geldentwertung statt. Die damalige Reichsregierung wollte den Bankrott des deutschen Staates und der deutschen Wirtschaft durch immer neues Geld kaschieren und ließ es deshalb von der Zentralbank drucken.

100 Millionen Mark für eine Briefmarke

Die deutsche Inflation von 1923 gilt als schlimmste Inflationierung in den  heutigen Industrienationen. Wie stark das Geld an Wert verlor, lässt sich am Briefporto in der damaligen Zeit ablesen. Ende Januar 1922 kostete eine Briefmarke 2,00 Mark. Ein Jahr später waren es bereits 50.00 Mark. Damit hatte eine Mark im Zeitraum von nur einem Jahr 96 Prozent an Wert verloren.

Die Inflation beschleunigte sich daraufhin noch. Anfang Oktober 1923 kostete das Porto für einen Brief 2 Millionen Mark. Noch im Laufe desselben Monats stieg er auf 10 Millionen Mark. Anfang November 1923 mussten schließlich 100 Millionen Mark für eine Briefmarke bezahlt werden. Die dramatische Entwertung war Folge der Geldpolitik der Regierung: Die ließ ständig neues Geld drucken, dessen Wert deshalb laufend fiel. Auf die Entwertung reagierte sie mit noch mehr neu gedrucktem Geld.

Nominalwerte sind die Verlierer

Die Angst vor einer Inflation ist auch aktuell durchaus berechtigt, auch wenn die wirtschaftlichen und finanziellen Probleme heute geringer sind als vor fast 100 Jahren und die politische Stabilität in Europa größer ist. Die Industrienationen haben in den letzten Jahrzehnten gigantische Schuldenberge aufgetürmt – einige Euro-Mitgliedstaaten sind in so gravierenden finanziellen Schwierigkeiten, dass sie bereits durch internationale Hilfe gestützt werden mussten. Auch in den USA, Japan und Großbritannien sind die Schuldenberge groß.

Die Sorge  vor einer politisch gewollten Inflation ist deshalb groß. Regierungen könnten Druck auf die Notenbanken ausüben und sie dazu bewegen, die Zinsen sehr niedrig zu halten und Staatsanleihen mit geschöpftem Geld aufzukaufen. Dadurch wird die Geldmenge ebenso erhöht wie durch das Drucken von Bargeld. Der Wert des Geldes verliert über kurz oder lang zwingend.

Die größten Verlierer einer Inflation sind Besitzer von nominalen Vermögenswerten. Neben Anleihen und Bankguthaben zählen dazu in gewisser Hinsicht auch Renten- und Pensionsansprüche. Schließlich ist nicht gewährleistet, dass es nach einer Inflation zu einer Anhebung der Bezüge kommt. Aber auch Verbraucher gehören zu den Verlierern, weil ihr Einkommen an Kaufkraft verliert. Ein Ausgleich der Inflation würde erstens entsprechende Lohnerhöhungen und zweitens eine steuerliche Berücksichtigung erfordern. Beides ist keinesfalls gewährleistet.

Schuldner sind Gewinner und Sachwerte ein Ausweg

Wo Verlierer sind, gibt es auch Gewinner. Bei einer Inflation sind das vor allem Schuldner. Der Staat könnte durch eine Inflation seinen finanziellen Handlungsspielraum erweitern. Die Last durch Kredite wird geringer. Das gilt auch für verschuldete Privatpersonen. Ratenkredite, Studiendarlehen oder Immobilienfinanzierungen sind nach einer Entwertung des Geldes weniger schmerzhaft.

Anleger können ihr Vermögen vor einer Inflation schützen, indem sie in Sachwerte investieren, die nicht vom nominalen Wert des Geldes abhängig sind. Zu den Sachwerten zählen Immobilien, Edelmetalle und Rohstoffe sowie Aktien. Die Angst vor einer Inflation lässt sich nicht zuletzt am stark gestiegenen Goldpreis ablesen.

Eine Inflation muss längst nicht immer so drastisch ausfallen wie im Deutschland der 1920er Jahre. Danach gab es in den Industrienationen häufig Phasen mit erhöhter Inflation, die aber nicht zu einer vollständigen Entwertung und zu einem Vertrauensverlust in die betroffene Währung führten. In der Bundesrepublik stiegen die Preise in den Jahren von 1970 bis 1975 um 40 Prozent an. Das ist gleichbedeutend mit einem Kaufkraftverlust von fast 29 Prozent.

Was ist schlimm an einer Inflation? » Antwort auf Frage.org geschrieben von Julian am Mittwoch, 16. März 2011 um 21:16 Uhr.