Was passiert bei einem Staatsbankrott?

Staaten können bankrott gehen –und tun das auch regelmäßig. Island, Griechenland, Argentinien, Portugal, Irland – all das sind Beispiele für einen Staatsbankrott, die nur wenige Monate bis maximal 10 Jahre zurückliegen. Wie genau sich ein Staatsbankrott auf Einkommen und Vermögen der Bürger und auf die Gesellschaftsordnung auswirkt, hängt von den Umständen ab.

 
 

Wann genau ein Staatsbankrott eintritt ist eine Frage der Definition. Hat ein Staat eine eigene Währung und kann er sich von seiner Zentralbank unbegrenzt viel Geld drucken lassen, ist er rein formal betrachtet auch immer zahlungsfähig. Trotzdem war das Deutschland der 1920er Jahre nach der Hyperinflation bankrott: Das nachgedruckte Geld genoss unter den Bürgern und an den Devisenmärkten keinerlei Vertrauen und war deshalb wertlos.

Ist ein Staat bankrott, kann er seine Verpflichtungen nicht mehr erfüllen. Zu den Verpflichtungen eines Staates gehören die Gehälter seiner Beamten, Renten und Pensionen, Zinszahlungen und Tilgungen für Anleihen und Kredite sowie Ausgaben für Bildung, Infrastruktur, Sicherheit und Soziales.

Trotz Bankrott existiert der Staat weiter

Geht einem Staat das Geld aus, stellt er seinen „Betrieb“ nicht ein. Er existiert auch nach dem Bankrott weiter. Der Staat muss allerdings seine Ausgaben drastisch einschränken und versuchen, sie wieder durch Einnahmen zu decken. Die Gehälter und Pensionen von Staatsdienern sind dann ebenso in Gefahr wie Staatsanleihen.

In der Praxis kommt es bei einem Staatsbankrott oft zu einer Kombination aus Steuererhöhungen und Ausgabenkürzungen. Konsum- und Einkommensteuern werden erhöht, Ausgaben für staatliches Personal, Soziales und Infrastruktur gekürzt oder eingefroren.

Das trifft die Bürger direkt: Ihnen wird ein größerer Teil ihres Einkommens abgezogen und sie müssen sich auf steigende Preise (wegen der höheren Konsumsteuern und Abgaben) einstellen. Die Sparpolitik führt zu einem deutlichen Anstieg der Arbeitslosigkeit und zu sinkenden Löhnen, wodurch die Lebensqualität zusätzlich beeinträchtigt wird.

Setzt ein bankrotter Staat ein so rigides Sparprogramm um, kann er bei einem günstigen Verlauf seine Ausgaben wieder durch Einnahmen decken und den auf das Notwendigste beschränkten Staatsapparat weiterhin betreiben. Der bereits in der Vergangenheit angehäufte Schuldenberg kann dadurch aber nicht bewältigt werden. Auslaufende Anleihen kann der Staat nicht durch neue ersetzen, weil er an den Finanzmärkten ebenso wenig Vertrauen genießt wie die heimischen Banken. Auch die fälligen Zinsen können bei einem echten Bankrott nicht gezahlt werden. Das hat Auswirkungen auf das nationale Finanzsystem und die Vermögen der Bürger.

Dominoeffekt: Bankguthaben und Lebensversicherungen werden vernichtet

Das Vermögen der meisten Sparer besteht zum größten Teil aus verzinslichen Anleihen und Bankguthaben. Bei den verzinslichen Wertpapieren handelt es sich zum großen Teil ebenfalls um Staatsanleihen und Bankanleihen. Kann der Staat nicht mehr zahlen, sind die Anleihen wertlos. Das setzt eine Kettenreaktion in Gang.

Erklärt ein Staat, dass er seine Schulden nicht mehr bedienen kann (oder will), verlieren zunächst die Besitzer von Staatsanleihen ihr darin angelegtes Vermögen. Viele Staatsanleihen sind im Besitz nationaler Banken, die die Papiere ebenso abschreiben müssen wie Forderungen aus direkten Krediten an den Staat. Da dieser zu den größten Schuldnern gehört, führt sein Bankrott auch zur Insolvenz der Banken. Bankkunden verlieren dann ihr Erspartes.

Nach den Banken trifft es die Lebensversicherer. Deren Portfolios bestehen zum größten Teil aus verzinslichen Wertpapieren – neben Staatsanleihen auch Bankanleihen. Verlieren diese ihren Wert, gilt das auch für die Ansprüche der Kunden aus ihren Lebens- und Rentenversicherungen.

Gläubiger-Vergleich macht milden Verlauf möglich

Ein Staatsbankrott nach diesem Muster ist ein Extremfall. Er führt dazu, dass praktisch alle nominalen Vermögenswerte vernichtet werden und sich auch die Einkommensverhältnisse ändern –weil Zinsen auf Staatsschulden auch ein Einkommen darstellen.  Dieselbe Wirkung hat eine Hyperinflation. Ein so gravierendes Ereignis erschöpft sich nicht wirtschaftlichen und finanziellen Veränderungen, sondern kann auch die Gesellschaftsordnung zu Fall bringen.

Nicht immer muss ein Staatsbankrot so drastisch ablaufen. Vor allem mit internationaler Hilfe lässt sich eine Umschuldung bewerkstelligen, deren Folgen für die Bevölkerung zwar noch immer sehr schmerzhaft, aber doch kalkulierbar bleiben. Eine Möglichkeit dazu ist ein Gläubiger-Vergleich, der auch in der Privatwirtschaft bei Insolvenzen möglich ist.

Der Staat einigt sich dabei mit Banken und Anleihegläubigern darauf, dass die Laufzeit von Darlehen und Bonds verlängert wird und Zinszahlungen ausgesetzt werden. Auch ein Teilverzicht der Gläubiger auf z. B. 30 Prozent ihrer Forderungen (eine solche Maßnahme wird an den Finanzmärkten als „Haircut“ bezeichnet) kommt dabei in Betracht. Der Staat kann die verbliebenen Lasten dann wieder schultern und die Gläubiger müssen nicht auf ihren gesamten Einsatz verzichten.

Auslandsschulden sind besonders ausfallgefährdet

Wie drastisch die Auswirkungen eines Staatsbankrotts ausfallen und welche Entscheidungen der betroffene Staat trifft, hängt ganz maßgeblich von zwei Faktoren ab. Erstens ist die Wirtschaftskraft des Landes entscheidend dafür, welcher Spielraum für Umschuldung und Gläubiger-Vergleich und die langfristige weitere Entwicklung besteht.

Zweitens ist die Struktur der Schulden maßgeblich für den Willen des Staates und des Volkes zur Rückzahlung der Verbindlichkeiten. Handelt es sich zum Beispiel überwiegend um Auslandsschulden, werden diese tendenziell eher ausfallen als Inlandsschulden. Beispiele dafür finden sich z. B. in Argentinien und Island. Bei hoher Auslandsverschuldung könnte zum Beispiel eine neu gewählte Regierung erklären, sich an die bestehenden Verbindlichkeiten nicht gebunden zu fühlen.

Zu chaotischen Zuständen wie eine Naturkatastrophe kommt es bei einem Staatsbankrott zumindest in entwickelten Volkswirtschaften nicht. Güter des täglichen Bedarfs werden von Unternehmen weiter angeboten und von Verbrauchern weiter nachgefragt. Ob es zu Einschränkungen bei der inneren Sicherheit oder der politischen Stabilität kommt, hängt vom Einzelfall und vom Krisenmanagement ab.

Fazit: Ein Staatsbankrott führt zu einer deutlichen Verschlechterung der wirtschaftlichen Verhältnisse. In entwickelten Volkswirtschaften ist jedoch nicht von einer gravierenden Gefährdung für die Versorgung der Bevölkerung auszugehen. Im Laufe des Lebens gebildete Ersparnisse können aber ebenso hinfällig sein wie ein erworbener Einkommensstatus.

Was passiert bei einem Staatsbankrott? » Antwort auf Frage.org geschrieben von Julian am Mittwoch, 20. April 2011 um 14:31 Uhr.