Wie sicher sind ETFs?

Exchange Traded Funds gelten als ausfallsicher, transparent und kostengünstig. Die Konstruktion vieler ETFs birgt jedoch Risiken, die den meisten Anlegern gar nicht bekannt sind. Als besonders kritisch gelten synthetische ETFs, die in Europa fast jeden zweiten Indexfonds stellen und vom Financial Stability Board bereits als Risiko für das Finanzsystem eingestuft werden.

 
 

Die Welt könnte so einfach sein: Ein Indexfonds bildet seine Basis ab, indem er sie eins zu eins ins Portfolio aufnimmt. Ein DAX-ETFs bestünde dann aus den 30 Aktien des Deutschen Leitindexes, deren Gewichtung im Fondsportfolio mit der im Index übereinstimmt. So simpel sind ETFs jedoch selten strukturiert.

Banken setzen zunehmend auf kostengünstige und für sie selbst praktische Lösungen. Im Portfolio so genannter synthetischer Indexfonds befinden sich irgendwelche Wertpapiere oder Vermögensgegenstände. Es kann sich dabei um Aktien oder Anleihen, aber auch im Gold handeln. Das tatsächliche Fondsportfolio entwickelt sich natürlich anders als die Basis, die dem  Anleger genannt wird. Die Differenz in der Wertentwicklung wird durch Swap-Geschäfte ausgeglichen.

Swap statt Aktien

Bei einem Swap-Geschäft tauscht der Fonds die Rendite seines Portfolios gegen die des Basiswertes, auf die sich der ETF bezieht. Der Tausch wird mit einem anderen Finanzintermediär durchgeführt. Dabei kann es sich z. B. um eine Bank oder eine Versicherung handeln.

Das Swap-Geschäft birgt Risiken. Kann der Geschäftspartner seine Verpflichtung aus der Vereinbarung nicht erfüllen, erleidet der Fonds Verluste. Es spielt dabei keine Rolle, wie sich die nominelle Basis des ETFs tatsächlich entwickelt – schließlich befindet sie sich gar nicht im Fonds. Dieses Risiko wird als Kontrahentenrisiko bezeichnet.

Wie groß die Gefahr  für Anleger aus dem Kontrahentenrisiko ist, hängt vom Einzelfall ab. Die Finanzkrise hat gezeigt, dass Banken und Versicherungen unabhängig von ihrer Größe und Reputation in Zahlungsschwierigkeiten geraten können. Die US-Investmentbank Lehman Brothers gilt insolvent und der einst weltgrößte US-Versicherer AIG musste mit beispiellosen staatlichen Hilfen vor dem Untergang bewahrt werden.

Da sich im Fonds Vermögenswerte befinden, besteht in der Regel nicht das Risiko eines Totalverlustes. Damit ein Schaden entsteht, muss zunächst ein Zahlungsanspruch des Fonds aus dem, Swap-Geschäft entstehen. Wie hoch dieser Zahlungsanspruch ist, hängt neben der Wertentwicklung des eigentlichen Fondsportfolios auch von dem Abrechnungsintervall ab, das die beiden Swap-Kontrahenten vereinbart haben.

ETFs als Entsorgungsdeponie der Banken?

Banken könnten versucht sein, vor allem diejenigen Assets in ETFs unterzubringen, die sonst schwer verkäuflich sind. Bislang ist es noch nicht zu Problemen im Zusammenhang mit dem Kontrahentenrisiko gekommen. Anleger sollten vor dem Kauf eines ETFs dennoch einen Blick in den Fondsprospekt werfen  und sich vergewissern, ob ihr Fonds solche Geschäfte abschließt.

Nicht nur synthetische Bestandteile haben in den vergangenen Monaten zu einer wachsenden Kritik an den bei Privatanlegern beliebten ETFs geführt. Experten sehen ein weiteres Problem im Verleih von Wertpapieren durch Fonds. Die Fondsgesellschaften erzielen dadurch zusätzliche Gewinne. Ein Verleihgeschäft birgt aber Risiken, weil es sich auch dabei um einen Vertrag mit einem Geschäftspartner handelt, der zumindest theoretisch zahlungsunfähig werden könnte.

Zu den Geschäftspartnern zählen z. B. Hedgefonds, die die geliehenen Papiere zu Blankoverkäufen nutzen und sie später in der Hoffnung auf fallende Kurse zurückerwerben möchten. Vor dem Hintergrund der Diskussion über ein Verbot von Leerverkäufen ist das nicht unwichtig: Wer aus ethischen oder moralischen Gründe z. B. keine Finanzspekulationen unterstützen möchte, sollte um ETFs mit dieser Komponente einen weiten Bogen machen.

Manche ETFs bestehen aus einer einzigen Aktie

Eine weitere Problematik im Zusammenhang mit börsengehandelten Indexfonds betrifft teilreplizierende ETFs. Diese Fonds bilden ihre Basis nur eingeschränkt nach. Eine Teilreplikation liegt z. B. vor, wenn der Deutsche Aktienindex durch lediglich eine Handvoll Aktien (bei denen es sich dann um die Index-Schwergewichte handelt) abgebildet wird.

Grundsätzlich gibt es in diesem Fall zwei Möglichkeiten: Entweder die Differenz in der Wertentwicklung des Aktienkorbs zum eigentlichen Index wird durch Derivate  oder Swaps ausgeglichen oder sie wird in letzter Instanz vom Anleger getragen. Auch in diesem Punkt hilft ein Blick in den Fondsprospekt. Behält sich die Fondsgesellschaft eine Beschränkung auf einige wenige Aktien vor, nutzt sie sie vermutlich auch.

ETFs bleiben gute Anlageprodukte

Weder synthetische noch teilreplizierte ETFs sollten pauschal verteufelt werden. Eine Teilreplikation macht bei Indizes mit sehr vielen Index-Mitgliedern durchaus Sinn. Die Fondsgesellschaft kann z. B. auf eine Direktinvestition in kleinere und illiquide Werte verzichten und so die Transaktionskosten reduzieren, ohne dass eine signifikante Abweichung vom Index zu erwarten ist. In gänzlich illiquide Assets kann per ETF oft nur synthetisch investiert werden, weil die fortlaufende Notierung und Handelbarkeit sonst nicht gewährleistet werden kann.

Das Konzept von ETFs bleibt trotz der bestehenden Probleme ein gutes. Indexfonds sind kostengünstig und können jederzeit gehandelt werden. Durch den Status als Sondervermögen tragen Anleger nicht das Emittentenrisiko, das mit Schuldverschreibungen wie Zertifikaten einhergeht. Risikobewusste Anleger setzen auf vollreplizierte ETFs und meiden unnötige synthetische Konstruktionen.

Fazit: ETFs sind unter normalen Bedingungen so sicher wie ihre Basis. Da an den Finanzmärkten des 21. Jahrhunderts normale Bedingungen keine Selbstverständlichkeit sind, muss auf das Kontrahentenrisiko und die potenzielle Problematik der Teilreplikation hingewiesen werden. Es gibt für alle gängigen Basiswerte ETFs ohne die kritischen Bestandteile und Replikationsmethoden. Nicht zuletzt deshalb bleiben ETFs auch weiterhin ein wichtiger und intelligenter Bestandteil bei Vermögensaufbau und Anlage.

Wie sicher sind ETFs? » Antwort auf Frage.org geschrieben von Julian am Mittwoch, 31. August 2011 um 20:33 Uhr.