Bio Lebensmittel: Wie gesund, nachhaltig und richtungsweisend sind sie?

 
 

Bio Lebensmittel sind In. Viele Befürworter sehen in „Bio“ mehr als eine gesunde Ernährung. Sie verknüpfen die veränderte Produktionsweise mit einer anderen Weltanschauung und hoffen auf das „Gute“. Einige Jahre nachdem  ganz großen Durchbruch muss sich das Segment aber auch immer mit mehr Kritik auseinandersetzen.

Bio Lebensmittel sind vor allem in Haushalten mit überdurchschnittlichem Einkommen beliebt. Der Markt weist alle Anzeichen einer flächendeckenden Expansion auf. Der Umsatz des Segments hat sich in den vergangenen zehn Jahren auf fast 6 Mrd. Euro verdreifacht. Bio-Produkte haben längst den Weg aus einem Nischendasein in die Supermärkte gefunden. Fast kein Einzelhandelsunternehmen verzichtet mehr auf die trendige Kost.

Wie nachhaltig ist das Konzept der Nachhaltigkeit?

Die nachhaltige Produktionsweise von BIO-Lebensmitteln wird dadurch erreicht, dass wenige bis gar keine Pestizide genutzt werden und die Produkte mit Zutaten hergestellt werden, die zu 95 Prozent aus ökologischem Anbau stammen. Das deckt sich mit dem Verständnis von Nachhaltigkeit, das Ressourcen nur so weit in Anspruch nehmen will, wie sie sich regenerieren.

Fraglich ist, ob Bio Lebensmittel die Funktion wahrnehmen können, die Nahrungsmittel haben: Die Nahrungsmittelproduktion dient der Versorgung der Menschen mit Nahrung. Im aktuellen Agrarbericht der Bundesregierung wird aufgeführt, dass Bio-Bauern einem Hektar Anbaufläche nur halb so viele Erträge abgewinnen können wie konventionelle landwirtschaftliche Betriebe. Statt 6700 ernten sie nur 3800 Kilogramm Weizen.

Die Bio Landwirtschaft halbiert damit ihre Produktivität. Das ist ein ökonomischer Luxus, den sich ein reiches Land wie Deutschland derzeit noch leisten kann. Eine übergeordnete und langfristige (nachhaltige?) Fragestellung aber lautet: Wie kann der wachsende Nahrungsmittelbedarf der Welt auch in den kommenden Jahrzehnten zuverlässig gedeckt werden.

Die wachsende Weltbevölkerung braucht Nahrung

Heute leben 7 Mrd. Menschen auf der Welt, 2030 sollen es aktuellen Schätzungen der Vereinten Nationen nach 8 Mrd. sein und 2050 bereits 9 Mrd. Heute wird eine Milliarde Menschen nicht ausreichend mit Nahrungsmitteln versorgt. Die verfügbaren Anbauflächen sind ein knappes Gut. Die Knappheit wird in den kommenden Jahren durch Bio-Treibstoffe weiter verstärkt: Die Produktion von Treibstoff auf Ackerflächen mag zwar gut für das Klima sein, sie geht aber zulasten der Nahrungsmittelproduktion.

Die britische Regierung hat eine Studie in Auftrag gegeben, die eine Ausweitung der Nahrungsmittelproduktion um 40 Prozent bis zum Jahr 2030 anmahnt. Die Getreideproduktion soll langfristig von 2,1 auf 3,0 Milliarden Tonnen steigen. Die Wachstumskapazitäten der Landwirtschaft sind bereits zu einem erheblichen Teil ausgereizt. Die Erträge pro Hektar wachsen mit 1,5 Prozent im Jahr nur noch sehr langsam.

Bio ist nicht besser

Eine größere Studie der Stiftung Warentest schockte jüngst die überzeugten Bio-Kunden. Das Ergebnis: Bio Lebensmittel sind keinesfalls pauschal besser als konventionelle Nahrungsmittel. Sie konnten sich im Hinblick auf Vitamingehalt, Keimbelastung und Geschmack nicht nennenswert gegen die Konkurrenz durchsetzen. Bio-Produkte sind der Studie zufolge aber deutlich seltener mit Pflanzenschutzmitteln belastet. Die früher bestehenden Probleme mit einer zu kurzen Haltbarkeit wurden zudem gelöst. Ob das den deutlich höheren Preis für BIO rechtfertigt, muss jeder selbst entscheiden.

Auch im Hinblick auf Schäden für das Klima durch CO-2-Emmissionen schneidet BIO nicht so viel besser ab, wie es die Wahrnehmung in der Öffentlichkeit vermuten lassen könnte. Zwar setzen Bio-Bauern weniger Stickstoff ein, der durch die Bildung von Lachgas schädlich für das Klima ist. Auch binden die Böden der traditionell produzierenden Bauern mehr CO-2 als die ihrer konventionellen Kollegen.

Dennoch: Bezogen auf jede einzelne verkaufte Produkteinheit schneiden Bio-Bauern zwar messbar, aber keinesfalls um Längen besser ab als konventionelle Betriebe. Da sie auf Pestizide verzichten, sind die Traktoren auf dem Feld öfter im Einsatz. Das setzt ebenfalls CO-2 frei. Durch die geringere Ausbeute je Hektar wird dieser Effekt verstärkt, wodurch der Unterschied zu konventionellen Bauern nicht so groß ist wie oft gedacht.

Lebensmittel sind umso klimaschädlicher je stärker sie verarbeitet sind

Echte Nachhaltigkeit geht über BIO-Siegel hinaus. Lebensmittel schaden dem Klima umso mehr, je stärker sie verarbeitet worden sind. Der CO-2-Ausstoß einer Kartoffel erhöht sich gegenüber dem Rohzustand um das Zehnfache, wenn sie zu Fertigpulver für Püree verarbeitet wird.

Bei der Produktion von Pommes für die Tiefkühltruhe liegt der CO-2-Ausstoß pro Einheit rund 16 Mal höher als bei der rohen Kartoffel. Fraglich ist deshalb, ob fertig Bio-Kartoffelprodukte unter diesem Blickwinkel wirklich als nachhaltig einzustufen sind.

Das gilt indes auch für den Fleischkonsum. Wer auf Fleisch verzichtet, hilft ganz unabhängig von der Produktionsweise dem Klima und den freien Nahrungsmittelkapazitäten. Ein Drittel der weltweiten Getreideproduktion wird von den 20 Milliarden Nutztieren gefressen.  Um am Ende der Produktionskette 1 Kilogramm Fleisch zu erhalten, müssen zunächst 7 Kilogramm Getreide eingesetzt werden.

Fazit: Die Diskussion um Bio Lebensmittel wirft viele Fragen auf, deren Antworten noch einige Zeit auf sich warten lassen werden. Fakt ist, dass Bio Lebensmittel zwar auf dem deutschen Markt ein Erfolgsmodell sind, für die weltweite Versorgung der Menschen mit ausreichend Kalorien aber noch keine Lösung bieten. Vor allem in den ärmsten Ländern der Welt ist eine z geringe Produktivität die Ursache absoluter Armut. Schnell Abhilfe  wäre dort wichtiger als vermeintlich nachhaltige Lösungen.

Als Anregung für diesen Beitrag diente folgender Artikel:
http://www.wiwo.de/technik-wissen/wie-gut-ist-bio-wirklich-458911/4/

Bio Lebensmittel: Wie gesund, nachhaltig und richtungsweisend sind sie? » Antwort auf Frage.org geschrieben von Shirin am Samstag, 08. Dezember 2012 um 16:25 Uhr.
photo by : Aylanah