Grobe Fahrlässigkeit und Versicherungsschutz – was müssen Verbraucher wissen?

 
 

Seit dem Jahr 2008 gelten neue Regeln für den Versicherungsschutz bei grober Fahrlässigkeit. Versicherer dürfen die Leistungen nun nicht mehr ganz verweigern. Dennoch mindert grob fahrlässiges Verhalten die Ansprüche der Versicherten massiv. Was als grob fahrlässig eingestuft wird und welche Leistungen Versicherten dennoch zustehen.

Früher galt: Bei grober Fahrlässigkeit ist die Versicherung aus dem Schneider. Seit Inkrafttreten des neuen Versicherungsvertragsgesetzes im Jahr 2008 müssen Assekuranzen zumindest einen Teil des Schadens bezahlen, wenn kein Vorsatz und keine arglistige Täuschung vorliegen.

Grob fahrlässig handelt, wer die erforderliche Sorgfalt in hohem Maße außer Acht lässt und Erfordernisse missachtet, die jedermann hätten einleuchten müssen. In der Praxis entscheidet die Rechtsprechung, was grob fahrlässig ist und wie schwer das Verschulden des Versicherten einzustufen ist. Verlässliche Anhaltspunkte in Form rechtskräftiger Urteile sind noch nicht in großer Zahl vorhanden, werden sich aber im Laufe der Zeit ergeben.

Bei extremem Fehlverhalten auch weiterhin keine Leistung

Die vollständige Leistungsverweigerung steht Versicherungen heute nur noch offen, wenn der Versicherte sich extrem fahrlässig verhalten hat. Die Stiftung Warentest berichtete in der Juli-Ausgabe von „Finanztest“ über einen Mann, der im Wohnzimmer Feuerwerkskörper gezündet und anschließend in den Keller geworfen hatte. Er wollte damit eine Katze vertreiben.

Im Keller befand sich ein hölzerner Schrank mit Kleidungsstücken. Erst einige Minuten nach dem Herunterwerfen der Feuerwerkskörper entschloss sich der Mann, nach dem Rechten zu sehen. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich bereits ein beträchtliches Feuer entwickelt, in dessen Folge das Haus vollständig niederbrannte. Die Versicherung zahlte keinen Cent und bekam vor Gericht Recht.

Bei „normaler“ grober Fahrlässigkeit müssen Versicherer nun immerhin einen Teil des Schadens bezahlen. Ein Gericht kam zu dem Schluss, dass die Hausratversicherung immerhin 30 Prozent erstatten muss, wenn ein Laptop aus einem im Parkhaus abgestellten Auto gestohlen wird und durch das Wagenfenster zu sehen ist.

Volle Leistung bei leichter Fahrlässigkeit

Bei so genannter leichter Fahrlässigkeit müssen Versicherer hingegen den vollen Schaden ersetzen. Auch hier hängt vieles an der Definition und der Auslegung durch die Rechtsprechung. Ein Gericht entschied zugunsten zweier Eltern, bei denen es an Weihnachten durch Christbaumkerzen zu einem Brand gekommen war.

Grundsätzlich müssen Kerzen zwar ununterbrochen beaufsichtigt werden. In jenem Fall konnte die Eltern aber ihre Abwesenheit begründen. Ihr kleines Kind hatte massiv gequengelt und das Ausprobieren eines neuen Spielzeugs vor der Haustür eingefordert. Dem gaben die Richter nach: Durch das Quengeln des Kindes stuften sie das Fehlverhalten der Eltern nicht als grobe, sondern als leichte Fahrlässigkeit ein.

Ein häufiger Streitfall betrifft Wasserschäden durch Waschmaschinen und Spülmaschinen. Auch hier ist die Rechtsprechung zu der Auffassung gelangt, dass Versicherte nicht automatisch grob fahrlässig handeln, wenn sie bei laufendem Gerät für längere Zeit die Wohnung verlassen. Ruft etwa die Schwiegermutter wegen Herzbeschwerden an und wird deshalb die Wohnung übereilt verlassen, ist das keine grobe Fahrlässigkeit.

Falschangaben führen zum Leistungsverlust

Kein Pardon kennen Gesetz und Rechtsprechung hingegen bei Falschangaben der Versicherten im Antrag. Dabei handelt es sich oft um arglistige Täuschung, die den Versicherer bis zu zehn Jahre nach der Täuschungshandlung zum Rücktritt vom Vertrag ermächtigt. Arglistige Täuschung liegt vor allem dann vor, wenn vorsätzlich Informationen verschwiegen oder falsch dargestellt werden – unabhängig davon, wie relevant sie später rückblickend waren. Auf grobe oder leichte Fahrlässigkeit können Versicherte dabei kaum berufen.

Vor allem bei Berufsunfähigkeitsversicherungen sind solche Verstöße gegen die „vorvertragliche Anzeigepflicht“  immer häufiger ein Problem. Wer Vorerkrankungen verschweigt verliert alle Ansprüche und erhält nicht einmal die gezahlten Prämien zurück.

Fazit: Auch bei grober Fahrlässigkeit müssen Hausratversicherung und Co. Einen Teil des Schadens zahlen. Versicherte bleiben aber auf dem größeren Teil sitzen. Nicht zuletzt deshalb ist Sorgfalt auch weiterhin oberstes Gebot. Verlässliche Quoten-Regelungen werden sich erst im Laufe der kommenden Jahre durch die Rechtsprechung entwickeln.

Grobe Fahrlässigkeit und Versicherungsschutz – was müssen Verbraucher wissen? » Antwort auf Frage.org geschrieben von Julian am Donnerstag, 20. Dezember 2012 um 23:22 Uhr.
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